3. September 2019

»Nicht auf die Lösungen anderer warten«

7 Fragen an Sebastian Grothaus (Good Profits GmbH)

Sebastian Grothaus (Jahrgang 1977) wohnt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Essen. Der Diplom Sportwissenschaftler (Medien und Kommunikation) arbeitete fast elf Jahre für die ARD Sportschau, bevor er 2015 mit Dirk Stiller die Good Profits GmbH gründete. Eingetragener Geschäftszweck: Förderung sozial motivierter Unternehmen. Mittlerweile ein Kenner der Social Entrepreneurship Szene in Deutschland und Experte im Bereich der nachhaltigen Geldanlage, stieg Grothaus 2018 als Partner bei der BEEMING GROUP GmbH ein. Diese entwickelt gemeinsam mit Wirtschaftsunternehmen soziale Geschäftsmodelle, gründet eigene Social Startups oder beteiligt sich an starken Gründerteams, die mit unternehmerischen Mitteln soziale Probleme lösen möchten. Außerdem ist er im Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. (SEND) Ansprechpartner für die Regionalgruppe in NRW.

»Langfristig ist die positive Wirkung viel größer, wenn wir direkt in Unternehmen investieren, die die Welt verbessern«

Herr Grothaus, wie kamen Sie eigentlich auf das Thema Social Business, und was ist das überhaupt, ein Sozialunternehmen?

Ich habe vor einigen Jahren damit angefangen, mich sehr intensiv für die Themen Investments und Geldanlagen zu interessieren und in diesem Feld zu arbeiten. Sehr schnell wurde mir allerdings klar, dass das alles zu wenig Sinn ergibt, wenn ich damit der Welt nichts Gutes tun kann. Die allererste Idee war also, Kapital zu investieren und die Erträge dann für einen guten Zweck zu spenden.

Mein persönliches Aha-Erlebnis erfolgte dann im Sommer 2014, als ich im Urlaub das Buch »Für eine Welt ohne Armut« von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus las. Darin beschreibt er das Konzept des Social Business, das besagt, dass man mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Herausforderungen lösen kann – sowie er es mit den Mikrokrediten und vielen weiteren Geschäftsfeldern in Bangladesh getan hat. Da ging mir ein Licht auf: langfristig ist die positive Wirkung viel größer, wenn wir direkt in Unternehmen investieren, die die Welt verbessern (anstatt Gewinne zu spenden). Das eingesetzte Kapital kommt dann wieder zurück und kann erneut investiert werden. Yunus drückt es selbst am besten aus: «A charity dollar has only one life; a social business dollar can be invested over and over again.«

«Alle Entscheidungen darauf ausrichten, dass eine positive Wirkung für alle entsteht”

Mit unternehmerischen Mittel Gutes tun und Geld verdienen – so beschreiben Sie das Ziel eines Sozialunternehmers. Aber tut das nicht jeder Unternehmer, indem er Menschen eine Arbeit gibt und sie dafür bezahlt, was ja auch »Gutes« ist. Worin liegt der Unterschied?

Ja, Unternehmer*innen leisten per se einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft, zum Beispiel durch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aber nicht alle tun es ausschließlich zu Gunsten von Umwelt und Gesellschaft, sondern leider sehr häufig auch auf Kosten anderer, die dann die Rechnung tragen. Finanzielle Gewinne werden gerne eingefahren, sonstige Verluste und Risiken werden externalisiert. Gute Beispiele sind die Banken, die in der Finanzkrise mit Steuergeldern gerettet wurden. Oder die Kohleindustrie, die bei weitem nicht adäquat für die Folgen auf die Umwelt zur Rechnung gezogen wird. Die Zeche zahlt dann die Allgemeinheit.

Ein weiterer Unterschied zeigt sich bereits in Unternehmenszweck und Unternehmenskultur von Sozialunternehmen. Hier geht es explizit darum, alle Entscheidungen darauf auszurichten, dass eine positive Wirkung für alle entsteht. Dies wird dann oft auch schriftlich festgehalten und vorgelebt. Übrigens sind die Grenzen fließend, z.B. in Richtung Wohlfahrtsorganisationen oder »normalen« nachhaltig agierenden Unternehmen. Es gibt auch jede Menge Unternehmer*innen, die sich niemals als Social Entrepreneurs bezeichnen würden – es nach meiner Definition aber sind.

Sie haben sich auch intensiv mit den Formen der Finanzierung von Sozialunternehmen beschäftigt. Wie können sich junge Social Startups das nötige Startkapital verschaffen und was sollten sie dabei beachten?

Die Finanzierung* von Social Startups ist ein heiß diskutiertes Feld. Das liegt vor allem daran, dass die Szene so heterogen ist: viele verschiedene, meist innovative Geschäftsmodelle in verschiedenen Branchen, verschiedene Organisationsformen und Governance-Strukturen, ganz unterschiedliche Wirkungsfelder und Messinstrumente. Hinzu kommt, dass Social Entrepreneurship auch Zielgruppen adressiert, die sich ein Produkt oder Dienstleistung nicht leisten können und daher eine Querfinanzierung erfolgen muss, z.B. durch hybride Rechts- und Finanzierungsformen, also dem Zusammenspiel von gemeinnützigen und nicht gemeinnützigen Rechtsformen. Das alles macht es für Kapitalgeber – vor allem Banken und öffentliche Institutionen – schwierig, daraus ein einheitliches Finanzierungskonzept mit klaren Kriterien zu erstellen. Daran wird aber zurzeit mit Hochdruck gearbeitet, z.B. bei verschiedenen Landesbanken, die sich nach und nach für diesen Bereich öffnen.

Grundsätzlich ist das gegenseitige Verständnis von Kapitalgebern und Social Entrepreneurs wichtig. Es muss für beide Seiten klar sein, dass hier besondere Regeln gelten und finanzielle Rendite nicht das einzige Kriterium ist, sondern auch der erzielte Impact eine entscheidende Rolle spielt. Darauf müssen alle Parteien eingehen.

»Geld als das anzusehen, was es ist: eine Form von Energie«

Ein Social Business ist ein Unternehmen, das eine gesellschaftliche Herausforderung angeht. Welche Eigenschaften muss ein Unternehmer mitbringen, damit er diese Herausforderung bestehen kann?

Etwas, das fast alle Social Entrepreneurs mitbringen, ist der brennende Wunsch, eine gesellschaftliche Herausforderung anzugehen. An dieser intrinsischen Motivation mangelt es nicht. Das liegt auch daran, dass oft persönliche Erfahrungen den Handlungsimpuls ausgelöst haben: seien es z.B. Großeltern mit Alzheimer, ein eigenes Kind mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder das große Erstaunen darüber, dass Strom in Mali durch riesige Dieselgeneratoren erzeugt wird statt durch Solarenergie.

Dieser Wunsch, zu Gunsten von Umwelt und Gesellschaft zu wirken, hat große Vorteile. Aber auch einen Nachteil: Social Entrepreneurs neigen leider zu oft dazu, sich für die gute Sache selbst zu opfern. Die finanzielle Rendite steht nicht im Vordergrund und so kommt es zu oft vor, dass Projekte versanden, weil kein Geld verdient wird. Das hat oft mit der Einstellung zu Geld zu tun. Deshalb predige ich immer wieder, Geld als das anzusehen, was es ist: eine Form von Energie, die dazu eingesetzt werden kann, die eigene Unternehmung und somit auch den Impact wachsen zu lassen.

Was Social Entrepreneurs sonst mitbringen müssen? Das gleiche wie alle anderen unternehmerischen Menschen auch: Gute Kommunikations- und Führungsqualitäten, Durchhaltevermögen, Mut, Professionalität. Und sie müssen verkaufen können. Das fehlt besonders häufig, weswegen wir mit Good Profits zurzeit eine Vertriebsagentur für Social Startups aufbauen.

Wer sind für Sie große Vorbilder als soziale Unternehmer?

Sebastian Grothaus (r.) mit seinem großen Vorbild Muhammad Yunus.

Natürlich zunächst einmal Muhammad Yunus. Ich habe ihn 2018 live erleben dürfen und war fasziniert von seiner Leidenschaft und Energie. Wohin er auch kommt, immer ermutigt er junge Menschen, nicht auf die Lösungen anderer zu warten und stattdessen selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Ich werde nie vergessen, wie er mit einem breiten Grinsen einer Gruppe Studenten zurief: »Geht raus und verändert die Welt. Das wird ein Riesenspaß!« Weitere Vorbilder sind Aida und Torsten Schreiber, Gründer von Africa GreenTec**. Von all den Social Startups in Deutschland ist Africa GreenTec das mit dem größten Potential, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich bewundere ihren unermüdlichen Einsatz, ihre Leidenschaft und Gutmütigkeit. Außerdem hat Torsten die Fähigkeit, wichtige globale Zusammenhänge verständlich rüberzubringen.

»Unternehmertum ist ein Ultra-Marathon«

Sie haben Sportwissenschaften studiert und waren in der Welt der Sportler lange unterwegs. Bildlich gesprochen: Sind Sie selbst eher der Langstreckenläufer mit Ausdauer oder powern Sie sich lieber auf der Kurzstrecke aus?

Da ich ja vergleichsweise erst kurz unternehmerisch tätig bin, war meine Lernkurve in den letzten Jahren dementsprechend steil. Zu meinen größten Lerngewinnen gehört auch der Umgang mit der eigenen Energie. Früher war ich eher der Sprinter und bin sämtliche Aufgaben zu schnell angegangen. Meine Frau hat immer nur mit den Augen gerollt, wenn ich mich wieder irgendwo kopfüber reingestürzt habe. Das hat dazu geführt, dass ich oft anschließend in Löcher gefallen bin, weil mir die Puste ausgegangen ist. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt: Unternehmertum ist ein Ultra-Marathon, bei dem viel Ausdauer gefragt ist. Nun achte ich darauf, dass ich einerseits zügig und konzentriert jeden Tag meinen Zielen näher komme, aber andererseits nicht überdrehe. Mein Lieblingszitat diesbezüglich lautet: »Der Mensch überschätzt, was er in einem Jahr schaffen kann. Aber er unterschätzt – bei weitem – was er in zehn Jahren schaffen kann.«

Achten Sie selbst in ihrem privaten und beruflichen Alltag auf nachhaltige Wirksamkeit, wo kommt das zum Tragen?

Natürlich achte ich auch im Alltag darauf, möglichst umweltschonend zu agieren. Leider noch nicht so konsequent, wie ich es gerne hätte, aber schon viel besser als früher. Zum Beispiel ernähre ich mich mittlerweile komplett vegetarisch, aber immer noch mit einem relativ hohen Konsum von Milchprodukten (übrigens sehe ich in einer veganen Ernährung einen der größten Hebel für Nachhaltigkeit, auch wenn es viele nicht hören wollen). Ich fliege nicht mehr, nehme aber noch oft das Auto statt der Bahn. Getränke gibt’s zu Hause nur aus Glasflaschen, aber bei sonstigen Lebensmitteln fällt noch sehr viel Verpackungsmüll an. Wir stellen innerhalb der Familie immer mehr Aspekte auf Nachhaltigkeit um. Dennoch ist noch Luft nach oben, da bin ich ganz ehrlich.

Die fairzinsung-Redaktion bedankt sich bei Sebastian Grothaus für seine ausführlichen Antworten und dass er sich die nötige Zeit dafür genommen hat. Die Fragen stellte Bodo Woltiri.

* Ein aktuelles Booklet zur Finanzierung bietet der SEND e.V. zum kostenlosen Download an.

** www.africagreentec.com

Kontakt zu Sebastian Grothaus:

sebastian.grothaus@good-profits.de 

Webseiten:

www.sebastian-grothaus.de, www.goodprofits.de, www.send-ev.de, www.beeming.de

Literaturtipp:

Muhammad Yunus: »Für eine Welt ohne Armut«, z. B. bei booklooker.de oder buchfreund.de