19. August 2019

»Was jeder tun kann, liegt auf der Hand«

Sieben Fragen an Daniel Sechert (ECOVENTA)

Daniel Sechert, Geschäftsführer der ECOVENTA GmbH (Copyright: JaKlü)

Daniel Sechert (44) gründete 2010 die Agentur für nachhaltige Kommunikation fairlin, und 2015 die ECOVENTA GmbH, Agentur für ökologische Veranstaltungen. Der Diplom-Kaufmann (FH) ist seit 2001 im Messe- und Veranstaltungsgeschäft unterwegs. Mit ECOVENTA organisiert er bundesweit die Messe »Veggienale & FairGoods«, in diesem Jahr sind es acht Messen in deutschen Großstädten. Zu den vier Veranstaltungen im ersten Halbjahr 2019 kamen insgesamt 15.000 BesucherInnen, über 250 Aussteller präsentierten ihre nachhaltigen Angebote. Sechert beschreibt das Konzept der Messe so: »Wir möchten das Thema noch mehr in der gesellschaftlichen Mitte verankern, weg vom Öko-Image hin zu mehr Lifestyle – eine Messe für das gute Leben eben. Gute Produkte machen Spaß – fairtrade, bio & vegan sind keine Kompromisse, sondern gewinnbringende Eigenschaften für alle Beteiligten. Man hat teilweise schon noch den Eindruck, als sei die Rettung der Welt der alternativen Szene vorbehalten. Das größte Veränderungspotential geht aber vom Otto-Normalverbraucher aus, der sich künftig für die besseren ökologischeren Alternativen entscheidet. Heutzutage gibt es bereits in nahezu allen Lebensbereichen mindestens ein nachhaltigeres Angebot. Dafür zu sensibilisieren ohne den erhobenen Zeigefinger, ist unser Anliegen mit der Veggienale & FairGoods, die perfekte Verkaufsplattform für faire Alltagslösungen und nachhaltigen Genuss.«

  1. Herr Sechert, wann und wie hat Sie zum ersten Mal das Thema Nachhaltigkeit gepackt?

Nachdem ich bereits viele Jahre als Angestellter diverser Messegesellschaften Messen organisiert hatte, hatte ich im Jahr 2009 das Glück, die Projektleitung der Messe FAIR HANDELN  bei der Landesmesse Stuttgart zu übernehmen. »Endlich ein Thema mit Sinn« dachte ich, und so bin ich seitdem beim Thema geblieben, beruflich und auch privat. Ich fing an Öko-Magazine zu lesen, habe mir Fachbücher gekauft um mich weiter zu informieren. Ich war fasziniert davon, wie viele Angebote es eigentlich schon gab für fast alles, jedoch war einem das als Otto-Normalverbraucher nicht wirklich bewusst. Man hätte denken können, es würde einem vorsätzlich vorenthalten. Das war vor 10 Jahren. Es hat sich inzwischen einiges getan, medial ist Nachhaltigkeit präsent, vegan und vegetarisch Essen liegen im Trend. Aber das ist noch nicht genug – natürlich.

»Um die Einstellung der folgenden Generationen mache ich mir weniger Sorgen, da bin ich optimistisch.«

  1. Sie waren einer der Initiatoren der Jobmesse »Grüne Karriere« 2012/2013 in Berlin. Wie begeistert man junge Menschen heute für grüne Jobs, und welche Möglichkeiten bietet ihnen der Arbeits- und Ausbildungsmarkt?

Eigentlich ist das gar nicht so schwer, denn gerade bei der jungen Generation gibt es eine ganz andere Einstellung zu Umweltfragen, Wirtschaftsethik und Fairness als bei der Generation vor vielleicht 20 Jahren, das zeigen auch die Resonanzen zu den »Fridays4Future«-Bewegungen. Wir als kleine Veranstaltungsagentur erhalten regelmäßig Initiativbewerbungen von jungen Menschen, die eben was bewegen wollen im Beruf. Tatsächlich ist es so, dass das Angebot an Jobs noch überschaubar scheint. Die Branchen der Wind- & Solarenergie erleiden gerade einen Rückschlag. Aber es gibt immer mehr Möglichkeiten in klassischen Unternehmen, quasi von innen heraus nachhaltiges Handeln zu implementieren. Die Nachfrage nach Studiengängen zu den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz  ist sehr gut, das Angebot steigt stetig. Vorreiter-Hochschulen wie z.B. Leuphana Lüneburg oder die HNE Eberswalde sind sehr beliebt.  Um die Einstellung der folgenden Generationen mache ich mir weniger Sorgen, da bin ich optimistisch. Die Frage ist, was können wir, die heutige Erwachsenen-Generation, diesen Generationen noch im halbwegs guten Zustand hinterlassen, wo  lässt sich der Schaden begrenzen, wo die Entwicklung JETZT in die richtige Richtung lenken?

»Neues entdecken und Antworten auf Fragen erhalten, um den nächsten Schritt zu machen«

  1. Sie sind seit zwanzig Jahren im Messegeschäft tätig. Sie betonen, dass ECOVENTA Wert legt auf klimafreundliche Veranstaltungen, von der Materialauswahl beim Messebau über eine faire und vegane Gastronomie bis zum Müllkonzept. Welche Erfahrungen machen Sie dabei mit den Besuchern: Kommt das gut an? Verhält sich das Publikum ebenfalls nachhaltig?

Unsere BesucherInnen sind auf jeden Fall schon einmal an Nachhaltigkeit in all seinen Facetten interessiert und neugierig, was man noch so umsetzen kann im Alltag. Insofern verhält sich das Publikum durchaus nachhaltig, wenn es zu Veranstaltungen wie der Veggienale & FairGoods geht. Aus den Feedbacks können wir schließen, dass viele bereits angefangen haben etwas zu verändern bei sich, z.B. bei der Ernährung oder der einfachen Frage »Auto oder Fahrrad?«. Alles ist ein Prozess, so war das bei mir auch. Auf Fleisch verzichte ich z.B. »erst« seit etwa fünf Jahren. Jede/r BesucherIn darf Neues entdecken und Antworten auf Fragen erhalten, um den nächsten Schritt zu machen. Dass wir als Veranstalter nachhaltig agieren, erwarten die BesucherInnen  –  zurecht. Daher versuchen wir alles, was bis zum Veranstaltungsende durch uns beeinflussbar ist, auch dahingehend zu optimieren. Manchmal hat das Grenzen, z.B. wenn am Tag nach dem Event unser Müllkonzept verworfen wird, weil die Kommunalen Entsorgungsbetriebe aus wirtschaftlichen Gründen den getrennten Müll in einem einzigen Container abtransportieren. Ich verrate jetzt aber nicht, an welchem Standort das leider der Fall war.

»eine Vorstellung davon vermitteln, was im Alltag möglich ist  –  in allen Lebensbereichen«

  1. Sie haben ein breites Spektrum an Ausstellern: von Food über Mode bis Finanzen. Wie kommen diese verschiedenen Themen beim Publikum an? Gibt es Themen, die in letzter Zeit dazugekommen sind?

Die Feedbacks zum Themenspektrum sind sehr gut. Ich denke die Vielfalt macht es einfach aus. Letztlich wollen wir mit der Veggienale & FairGoods eine Vorstellung davon vermitteln, was im Alltag möglich ist  –  in allen Lebensbereichen. Und da es in allen Lebensbereichen inzwischen gute Alternativen gibt, sollte das auch sichtbar sein auf unseren Veranstaltungen. Daher versuchen wir auch immer ein Gleichgewicht zwischen den Angeboten zu akquirieren. Der Food-Bereich dominiert etwas, aber sonst ist es vielfältig und auch für uns als Veranstalter spannend, weil sich viele junge Firmen mit tollen Produkten und Lösungen bewerben, die wir selbst dann erstmals auf der Messe kennenlernen.

  1. Auf den Veggienale & FairGoods-Messen bleiben politische Aktionen außen vor, Sie setzen auf die jungen Firmen als praktische Vorbilder und Anreger zum Nachahmen und Mitmachen. Funktioniert das denn, welches Feedback bekommen Sie dazu von den Ausstellern?

Zu den letzten Messen war das Feedback nahezu durchweg sehr gut. Etablierte Marken profitieren von der Präsenz junger Unternehmen, weil diese mit ihrem neuen innovativen Angebot die Veranstaltung besonders interessant machen – für BesucherInnen und Aussteller.  Denn was auch zählt, ist der Netzwerkgedanke. Nicht selten entstehen Kooperationen zwischen den Ausstellern im Nachgang, wenn sich diese erstmals auf der Veggienale & FairGoods kennenlernen.  Junge Unternehmen sind mit ihren Produkten oft noch nicht ausreichend gelistet z. B. in Biomärkten, so dass Teilnahmen an der Veggienale & FairGoods ein Einstieg zum Markt sein können.

  1. Auf der Veggienale & FairGoods-Website heißt es über ECOVENTA: »Unsere Projekte sind ausschließlich dem Ziel untergeordnet, nachhaltige(re)s Handeln im privaten, beruflichen und geschäftlichen Bereich zu unterstützen.« Wenn wir das auf den aktuellen Hitzesommer 2019 übertragen: was könnte Ihrer Meinung nach der Einzelne im privaten und beruflichen Umfeld da tun bzw. unterlassen: für die Natur, für die Umwelt, für die Mitmenschen?

Nicht in den Urlaub fliegen?! Keine Kreuzfahrten buchen?! Mit dem Fahrrad zu Arbeit fahren – oder mit dem E-Roller?! Regionales Bio-Gemüse statt Fleisch grillen?! Die Aufzählung könnte jetzt so weiter gehen und ich befürchte, für jeden Punkt sind 5 EUR für das Phrasenschwein fällig, oder? Nein, im Ernst, ich denke was jeder tun kann, liegt auf der Hand und die meisten wissen um die besseren Alternativen. Das Schwierigste ist denke ich, die eigenen Gewohnheiten abzulegen und einfach anzufangen. Daher sind zu unseren Events eben auch diejenigen eingeladen, die Nachhaltigkeit bisher noch als Kompromiss mit der Folge eingeschränkter Lebensqualität auslegen, dem ist ja nicht so, im Gegenteil.

»Das Wichtigste ist, dass wir unsere Philosophie unseren Kindern vorleben und so etwas mitgeben können für später.«

  1. Achten Sie selbst in Ihrem privaten und beruflichen Alltag auf nachhaltige Wirksamkeit, und wo kommt das zum Tragen?

Wie eingangs beschrieben, habe ich vor 10 Jahren angefangen bewusster zu konsumieren und mehr und mehr auf nachhaltige Aspekte im Alltag zu achten. Meine Frau und ich haben inzwischen vier gemeinsame Kinder. Da fällt es gar nicht schwer, im Alltag lieber zweimal zu überlegen, bevor wir diese oder jene Ausgabe tätigen. Wir fahren grundsätzlich wenig Auto, bei uns um die Ecke sind zwei Bioläden (die Bioladendichte ist in Berlin ohnehin sehr hoch), Kinder-Kleidung kaufen wir oft gebraucht und geben diese dann auch weiter, unsere Urlaube verbringen wir seit vielen Jahren an der Ostsee. Eigentlich also Dinge, die viele andere Familien auch bereits umsetzen. Für die konventionelle Wirtschaft sind wir wohl eher schlechte Konsumenten und es fühlt sich für uns auch nicht wie ein Kompromiss an, nicht das neueste Smartphone oder den besten größten Flat-TV zu besitzen. Das Wichtigste ist glaube ich, dass wir unsere Philosophie unseren Kindern vorleben und so etwas mitgeben können für später. Dazu gehört auch, dass ich beruflich etwas mache, wofür ich privat zu 100% einstehe. Das ist auch Nachhaltigkeit.

Die fairzinsung-Redaktion bedankt sich bei Daniel Sechert für seine ausführlichen Antworten und dass er sich die nötige Zeit dafür genommen hat. Die Fragen stellte Bodo Woltiri.

Kontakt zu Daniel Sechert: sechert@ecoventa.de

Webseiten:

www.veggienale.de